KONKRETES ÜBER ABSTRAKTES

Von je her galt für die bildende Kunst, dass jedes Ding in der Natur seine bestimmte Form und seine bestimmten Farben habe. Jeder Künstler versuchte die Wirklichkeit in seinen Werken möglichst genau wiederzugeben. Mit Aufkommen der Fotografie wurde diese Form der Abbildung zweifelhaft und eine Suche nach neuen Kunstformen begann. Den Auftakt dieser künstlerischen Moderne setzten Edouard Manet (1832-1883) und Paul Cézanne (1839-1906). Zum ersten Mal hinterfragt hier die Malerei ihre eigenen Bedingungen. Waren die bisherigen Motive religiöser, herrschaftlicher oder philosophischer Art, so interessiert sie sich nun für die zeitgenössische Lebenswelt. Nach und nach fallen immer mehr Konventionen der bildenden Kunst. So wurde zunächst die klassische Perspektivenlehre der Renaissance aufgegeben und der Bildraum merklich verflacht. Farben mussten nicht mehr naturgetreu wiedergegeben werden, sondern durften Stimmungen ausdrücken und frei gewählt werden. Einen weiteren Schritt hin zur Abstraktion setzten die Kubisten um Pablo Picasso (1881-1973), Georges Braque (1882-1963) und Fernand Léger (1881-1955). Im Gegensatz zu den fotografischen Abbildern wollten sie Emotion und Bewegung in die Malerei bringen und warfen dafür jeglichen Naturalismus über Bord. Ihre Bilder sollten keine Abbildung der Wirklichkeit mehr sein, sondern eine eigenständige Realität aufweisen. Mit dem Bild Schwarzes Quadrat (1915) des Russen Kasimir Malewitsch (1878-1935) erreicht die Abstraktion der Malerei ihren Höhenpunkt, ist doch das Quadrat die Form ohne Aussage und schwarz eine Nichtfarbe. Nun fehlte jeglicher Bezug zur realen Welt. Mit dieser fortschreitenden Abstrahierung befreite sich die Kunst nicht nur vom Diktat der Abbildlichkeit, sondern auch von ihrem Bezug zu Literatur, Religion und Philosophie, die bisher ihre Inhalte bestimmten. Es stellte sich jedoch sehr bald die Frage nach den Kriterien für ein Kunstwerk, das diese Bezeichnung auch verdient. In diesem Prozess trieb Marcel Duchamp das ästhetische Urteil auf die Spitze, indem er die Sinnhaftigkeit einer rein visuell ausgerichteten Kunst insgesamt in Zweifel zog. Er postulierte zwei Strategien – die enge Verknüpfung von sprachlichen und bild-/objekthaften Elementen und das Ready-made (s. Abbildung) – als Angriff auf das bisherige Prinzip l‘art pour l’art (Kunst der Kunst wegen) und wurde somit zum Vorreiter der konzeptuellen Kunstauffassung. In den 60er-Jahren des 20. Jh. war dann auch die Vorstellung vom Künstler als einsam schaffendes Genie ebenso überholt wie die Arbeit in den klassischen Gattungen der Malerei und Skulptur. Es ist die Geburtsstunde der Installation. Eine junge Künstlergeneration versucht seither immer wieder die Prinzipien der Kunst zu ergründen.

 

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